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Sr. Josefa Michelitsch
Geschäftsführerin Vinzenz Gruppe
Barmherzige Schwester vom hl. Vinzenz von Paul, seit 1983 Generalökonomin der
Kongregation und seit 2001 Mitglied der Geschäftsführung der Vinzenz Gruppe.
Kompetenzbereiche: VINZENTINUM – Schulen für Gesundheits- und Krankenpflege und Werteauftrag der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul.
01. Dezember
Während des Wahlkampfs war noch großes Rauschen im Blätterwald – Pflege war für einige Wochen das Thema. Nach den Wahlen ist es ruhig geworden, das Problem löst sich aber nicht von allein. Nun hat man sich nach vielen Gesprächen und Programmen entschlossen: die Arbeit der ausländischen Pflegekräfte wird legalisiert. Das ist ein Schritt der Entkriminalisierung, der Anpassung von Gesetzen an die Wirklichkeit, aber keine Lösung. Wer auf einen großen Wurf gewartet hat, denkt sich wohl: Die Berge kreißten, und ein Mäuslein ward geboren.
Vielleicht ist das aber ein zu schnelles Urteil. Gesundheit und Soziales ist bei den laufenden Koalitionsverhandlungen ein zentrales Thema, die Notwendigkeit großer Lösungen in diesem Bereich eines der stärksten Argumente für eine stabile Regierung. Zumindest in diesem Themenfeld scheinen die Verhandlungen lösungs- und sachorientiert zu laufen, wohl auch durch den sanften Druck konsensorientierter Vertreter aus den Bundesländern. Das gibt Hoffnung für die Zeit nach einer Regierungsbildung.
Das jetzige System braucht jedenfalls eine gründliche Reform, ein großes Umdenken ist gefordert. Ein Blick über die Grenzen würde uns einige Anregungen geben. Nur ein Beispiel: Die Einrichtung von Gesundheitssprengeln, die von Pflegekräften geleitet und die die ersten Ansprechpersonen bei gesundheitlichen oder pflegerischen Problemen sind. Sie sind rund um die Uhr erreichbar, kommen ins Haus und entscheiden dann die weiteren Schritte: entweder ärztlichen Hilfe – sei des Krankenhaus oder ambulant, mobile Pflegedienste oder Heimhilfe. Bei uns ruft man sofort den Notarzt – mehr Auswahl hat man nicht – gerade in der Nacht oder zum Wochenende. Welche Möglichkeiten hat der Notarzt? Außer der medizinischen Akutversorgung nur, ob ein Krankenhausaufenthalt notwendig ist oder nicht. Und dieser wird oft notwendig, wenn die pflegerische Unterstützung im Haus nicht gegeben ist.
Nur dieser eine Reformschritt würde schon einen lange Reihe von Konsequenzen nach sich ziehen: Von der adäquaten Ausbildung der Pflegekräfte, seit Jahrzehnten schon eine Forderungen des Pflegedienstes, damit verbunden das Recht zur selbständigen Berufsausübung, bis hin zur Errichtung eines flächendeckenden, effizienten Netzes solcher Sprengel.
Mut zu tatsächlichen Reformen ist auch Teil von Medizin mit Seele. Denn man braucht oft viel Mut, das Gute und Richtige zu tun. Für die große Gesundheitsreform gilt: Sie muss eine Reform für Menschen sein, nicht für Zahlen.
14. November
„Wir brauchen mehr Geld“. Wenn es darum geht, etwas zu verbessern, ist das fast immer der erste Satz. Und wenn man es nicht bekommt oder nicht genug hat, ist das auch eine gute Ausrede, warum schließlich alles beim Alten bleibt.
Natürlich wird Geld gebraucht, vor allem im Gesundheitswesen – mit den Anforderungen und Leistungen steigen die Kosten. Aber: Wer zuerst nach dem Geld fragt, zäumt das Pferd von hinten auf. Geld war noch nie ein Problemlöser. Zuerst muss das Problem analysiert werden, dann muss nach Lösungen gesucht werden, und dann wird die Finanzierung behandelt. Dieser Weg macht mehr Mühe, aber er ist der richtige Weg.
Jede Gesundheitsdebatte und auch die Diskussion über die Herausforderung Pflege beginnt mit der Forderung nach mehr Geld. Sicher wird es gebraucht. Aber vor allem brauchen wir den Mut, nach neuen Lösungen zu suchen. Vielleicht müssen wir das ganze System überdenken und in neue Strukturen gießen. Es gibt da einiges, was man als nicht mehr zeitgemäß bezeichnen kann. Das beginnt schon mit der Frage, warum Altenpflege dem Sozialministerium und Akutpflege dem Gesundheitsministerium zugerechnet wird – eine Tatsache, die eine ganze Kette von Konsequenzen nach sich zieht.
Echte Lösungen sind gefragt – in der Gesundheitsversorgung insgesamt, speziell in der Pflege immer dringender. Wenn alle Beteiligten bereit sind, sie zu finden, dann wird es auch Mittel und Wege der Umsetzung und der Finanzierung geben.
19. September
Liebe Leserin, lieber Leser!
Zur Medizin mit Seele gehört die Pflege mit Seele. Bekannt ist das Problem ja schon seit mindestens zwanzig Jahren. Ich kann mich noch gut an einen Vortrag eines höheren Beamten erinnern, der sehr genau die demografische Entwicklung mit dem Bedarf aufzeigte, den wir jetzt erleben. Das war Anfang der achtziger Jahre.
Aber immerhin. Endlich wird darüber geredet, das Problem ist für jedermann klar. Niemand kann mehr leicht wegschauen oder sagen, er hätte davon nichts gehört. Ich hoffe, dass es jetzt zu Lösungen kommt, die langfristig wirken und dass sich Politiker nicht dazu verleiten lassen, zu schnelle, zu einfache Antworten zu geben.
Zu einfach macht man es sich zum Beispiel, wenn die Pflege daheim als das einzig Wahre, und die Pflege im Heim als schlecht dargestellt wird - meist mit dem hässlichen Wort vom "Abschieben ins Heim". Sicher, zu Hause fühlt man sich am wohlsten. Aber nur, wenn rundherum alles passt. Was hat denn ein Mensch, der Pflege braucht, davon, wenn seine Familie trotz Unterstützung von außen überfordert ist? Wäre dann ein Heim nicht ein besserer Platz für ihn?
Außerdem: Was ist es denn für eine Botschaft an alle, die in den Pflegeheimen arbeiten, dass zu ihnen "abgeschoben" wird? Ich weiß, dass in den Heimen immer mit Einsatz, oft mit Aufopferung gepflegt wird.
Heim kann genauso gut sein wie daheim. Hier nicht zu einfach zu urteilen, auch darum ersuche ich jeden, der an der dringenden nötigen Pflegedebatte teilnimmt.
25. August
Die Zeitungen sind voll von diesem Thema. Viel ist schon geschrieben worden, Beratungen werden einberufen, Enqueten abgehalten: Kurz: es ist das Feuer ausgebrochen, das lange - viel zu lange - schon geschwelt hat.
Es hat keinen Sinn, hier Schuldzuweisungen zu machen, wer, wann und wo etwas hätte besser machen können oder müssen. Wir alle sind hier angefragt. Oder neigen wir nicht dazu, ein Problem so lange wie möglich vor uns her zu schieben, in der vergeblichen Hoffnung, es würde sich irgendwann schon von selbst lösen? Und werden in unserem Land nicht allzu gerne notwendige Änderungen im System verhindert, weil sie eben weh tun?
Dass es um die Pflege und Versorgung der alten und pflege- bedürftigen Menschen nicht zum Besten steht, das ist uns allen ja schon lange bekannt.
Es ist unsere Gesellschaft, es sind wir, die so manche Fehl- entwicklung mitverursachen. In dieser Einsicht können wir hoffen, dass wir nun einmütig Wege suchen und sie zu gehen bereit sind, die den Betroffenen - und das sind letztlich wir alle - wirklich helfen.
Hat dies etwas mit "Medizin mit Seele“ zu tun? Ich meine, ja. Es ist doch auch so, dass wir hier Probleme ansprechen, die jetzt noch "unterschwellig schwelen“, aber einmal zu einem lodernden Brand werden können. Denn Medizin und Forschung, die nicht verankert sind in Werten und ethischen Grundsätzen, werden zur Bedrohung für den Menschen. Wir alle sind "die Gesellschaft“: und wofür setzen wir uns ein?
31. Juli
Liebe Leserinnen, Liebe Leser!
Das jüngst bekannt gewordene
Urteil des Obersten Gerichtshofes (OGH) hat mit Recht große Bestürzung ausgelöst. Demnach haftet ein Gynäkologe, der eine werdende Mutter nicht ausreichend über erkennbare Anzeichen einer drohenden Behinderung aufklärt, für den gesamten Unterhaltsaufwand für das behinderte Kind. Anlassfall für das Urteil war die Geburt eines Mädchens, das auf Lebenszeit behindert sein wird. Die Mutter machte ihren Frauenarzt dafür verantwortlich und bekam vor dem Höchstgericht Recht.
Die Frage, was denn jetzt mehr zählt – die reine Rechtslehre oder der Sinn der Gesetze und deren ethische Grundlagen, wird danach wieder stärker diskutiert werden.
Hat dieser Fall auch etwas mit Medizin mit Seele zu tun?
Es heißt, der Arzt hätte die Schwangere nicht eindringlich genug gewarnt, so dass sie die Risikoambulanz zu spät aufgesucht hatte. Vielleicht hat er so reagiert, wie wir alle versucht sind, wenn wir eine unangenehme Nachricht überbringen sollen: Gerade aus der Betroffenheit heraus drückt man sich gerne davor und hofft, jemand anderer würde es tun.
Wie oft müssen Ärzte Patienten einschneidende und bittere Diagnosen mitteilen! Echtes Mitgefühl und Einfühlungsvermögen sind zwar grundlegende Eigenschaften, um ein solches Gespräch führen zu können. Aber das reicht nicht, es gehört auch ein spezielles Maß an Professionalität dazu.
Man kann viel über richtige Gesprächsführung lernen, dieses Feld sollte nicht den Psychologen allein überlassen werden. Denn der Patient erwartet zu Recht vom behandelnden Arzt Rat und Orientierung: Wie kann es weiter gehen – Was soll ich tun?
Medizin mit Seele heißt, dass sich der Arzt nicht nur Rüstzeug für die Behandlung der Krankheiten erwerben muss, sondern auch Grundkenntnisse der Psychologie und der Ethik. Warum? Um das, wozu er berufen ist, auch richtig tun zu können: Menschen in ihrem Leid helfen.